Am 24.11.2011 veröffentlichte Herr Dr. Stefan Lanka im Internet ein Preisausschreiben unter Bezugnahme auf das deutsche Infektionsschutzgesetz IfSG und löste damit den „Wetten, dass es kein Masern-Virus-gibt-Prozess“ aus. Er versprach demjenigen 100.000 EUR Preisgeld, der eine wissenschaftliche Publikation vorlegen kann, in der die Existenz des Masernvirus bewiesen und dessen genauer Durchmesser angeben wird [1, 2, 3].

Genauer sollte derjenige ein Preisgeld in Höhe von 100.000 EUR erhalten, der eine wissenschaftliche Originalpublikation des Nationalen Referenzzentrums für Masern am Robert-Koch-Instituts (RKI) vorlegen kann, in der die Existenz des Masernvirus behauptet und nachgewiesen wird und dessen Durchmesser angegeben ist [3].

Bemerkenswert an dieser Wette ist die Tatsache, dass ein in der Sache ausgebildeter Wissenschaftler den Konsens der Mehrheit infrage stellt. Herr Dr. Stefan Lanka isolierte beispielsweise einen Virus bei marinen Braunalgen und charakterisierte dieses biochemisch [4, 5].

Ein Jungarzt reichte nicht eine, sondern stattdessen sechs Publikationen ein, die alle nicht vom Robert-Koch-Institut stammten und von denen dieser annahm, dass diese die Bedingungen der Auslobung erfüllen würden. Als daraufhin Herr Dr. Stefan Lanka die Auszahlung mit der Begründung ablehnte, dass in allen vorgelegten Publikationen ausschließlich zelleigene Effekte und Strukturen, aber keine Viren nachgewiesen wurden, klagte der Jungarzt das Preisgeld bei Gericht ein [3].

Im März 2015 entschied das Landgericht Ravensburg zugunsten des Klägers. Eine Berufung Dr. Lankas hatte am Oberlandesgericht (OLG) Stuttgart Erfolg. Die Richter am OLG Stuttgart entschieden am 16.02.2016 einstimmig, womit eine mögliche Revision zum Bundesgerichtshof (BGH) nicht zulässig war [2].   

An dieser Stelle soll nicht weiter auf den Prozess selbst eingegangen werden, sondern es folgen in weiteren Artikeln Erkenntnisse aus dem Studium der sechs Publikationen, die Gegenstand des Masernprozesses waren. Detaillierte Hintergrundinformationen zum Masernprozess, wie z. B. Gutachten, Stellungnahmen und Gerichtsprotokolle können auf WissenschafftPlus eingesehen werden.

Die sechs Publikationen des Masernprozesses

Die sechs Publikationen zum Masernprozess wurden zwischen den Jahren 1954 und 2007 publiziert [2, 6].

  1. Enders, J.F. & Peebles, T.C. (1954) Propagation in tissue cultures of cytopathogenic agents from patients with measles. Proceedings of the Society for Experimental Biology and Medicine, 86 (2): 277–286
  2. Bech, V. & von Magnus, P (1958) Studies on measles virus in monkey kidney tissue cultures. Acta Pathologica Microbiologica Scandinavica 42 (1): 75–85
  3. Nakai, M. & Imagawa, D.T. (1969) Electron microscopy of measles virus replication. Journal of Virology, 3 (2): 187–197
  4. Lund, G.A., Tyrrell, D.L.J., Bradley, R.D. & Scraba, D.G. (1984) The molecular length of measles virus RNA and the structural organization of measles nucleocapsids. Journal of General Virology, 65: 1535-1542
  5. Horikami, S.M. & Moyer, S.A. (1995) Structure, transcription, and replication of measles virus. In: V. ter Meulen & M.A. Billeter (Eds) Measles Virus. Current Topics in Microbiology and Immunology 191 (pp. 35–50). Springer: New York, Heidelberg
  6. Daikoku, E., Morita, C., Kohno, T. & Sano, K. (2007) Analysis of morphology and infectivity of measles virus particles. Bulletin of the Osaka Medical College, 53 (2): 107–114

Besonders interessant sind die Publikationen eins und fünf. Die erste Publikation von Enders und Peebles aus dem Jahr 1954 gilt als grundlegend für die gesamte Masernvirologie [1], während der fünfte Artikel von Horikami und Moyer einen sogenannten Übersichtsartikel darstellt, der etwa 120 wissenschaftliche Veröffentlichungen berücksichtigt [2, 6]. Daher stellen diese Publikationen einen geeigneten Ausgangspunkt für das Studium der (Masern-)Virologie dar. Vorteilhaft erscheint ebenfalls der Umstand, dass zu den genannten sechs Publikationen mehrere Gutachten und Stellungnahmen vorliegen, die zum Verständnis der Publikationen für einen Einsteiger hilfreich sein können.

In dem Artikel „Der Virus liegt wie eine Last auf uns“ vom 17.01.2021 wurde besonders hervorgehoben, wie wichtig es ist, die Historie des betrachten Wissenschaftszweig zu kennen und zu berücksichtigen. Die oben genannten wissenschaftlichen Publikationen entstanden zwischen 1954 und 2007, sodass diese einen Einblick in über 50 Jahre Masernvirusforschung ermöglichen.


[1]        Lanka, Stefan. „go Virus go“. In: WISSENSCHAFFTPLUS – Das Magazin 2/2017, S. 04 – 14. URL: https://wissenschafftplus.de/uploads/article/goVIRUSgogogo.pdf.

[2]        Lanka, Stefan. „Ist das Masernvirus eine wissenschaftliche Tatsache?“. In: WISSENSCHAFFTPLUS – Das Magazin 4/2016, S. 24 – 27. URL: http://wissenschafftplus.de/cms/de/magazin.

[3]        Lanka, Stefan. „Der Masern-Virus-Prozess wird immer spannender“. In: WISSENSCHAFFTPLUS – Das Magazin 3/2015, S. 06 – 11. URL: http://wissenschafftplus.de/uploads/article/Der-Masern-Virus-Prozess-wird-immer-spannender.pdf.

[4]        Lanka, Stefan: Untersuchungen über Virus-Befall bei marinen Braunalgen. Diplomarbeit, Universität Konstanz 1989. URL: http://agenda-leben.de/Lanka_Diplomarbeit_1989_kompr.pdf.

[5]        Lanka, Stefan u. a. „Genome Structure of a Virus Infecting the Marine Brown Alga Ectocarpus siliculosus“. In: Virology 193.2 (1993), S. 802 – 811. DOI: 10.1006/viro.1993.1189.

[6]        Walach, Harald. (17) Was ist eine „wissenschaftliche Tatsache“? Ein kleines Fallbeispiel: Der „Masernprozess“. März 2020. URL: https://harald-walach.de/methodenlehre-fuer-anfaenger/17-was-ist-eine-wissenschaftliche-tatsache-ein-kleines-fallbeispiel-der-masernprozess/.